„Die Geschichte hat uns zusammengebracht. Wir waren alle von Anfang an überzeugt, dass diese Story erzählt werden muss. Und so haben alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, egal woher sie kommen, egal wie alt sie sind, egal wo sie geboren wurden, von Anfang an mitgemacht.“ Was Mohanad Jackmoor, der syrische Regisseur, mit diesem Satz beschreibt, war die Tatsache, dass 12 Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters aus Syrien und Deutschland und auch teilweise deren Eltern eine Woche lang intensiv in einem Hörspiel-Workshop mitgearbeitet haben, um gemeinsam eine Geschichte zu erzählen. Diese Geschichte hatte ihren eigenen Sog, denn sie drehte die Verhältnisse um:

Hörspiel 3

Stellen Sie sich vor, 2015 wäre in Deutschland eine atomare Katastrophe passiert. Stellen Sie sich vor, viele Deutsche hätten damals ins Ausland flüchten müssen. Stellen Sie sich weiterhin vor, der arabische Frühling hätte zu Frieden geführt und viele Menschen aus Europa wären dorthin geflüchtet…

Hörspiel 2

Das war die Ausgangslage für eine musikalische Erzählung, die die Teilnehmer des Workshops „Heimatklänge“ im Jib Münster gemeinsam entwickelten. Erzählt wurde die Geschichte eines Vaters, der mit seinen zwei Söhnen Deutschland verlässt und in der syrischen Stadt Idlib eine neue Heimat findet. Und während die Kinder in dieser neuen Heimat Fuß zu fassen versuchen, ist der Vater damit beschäftigt, zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen und die Katastrophen-Nachrichten aus Deutschland anzuschauen. Aber es gibt Hoffnung…

Hörspiel 4

Mit vielen syrischen Liedern, Klängen und Geschichten aus der syrischen Heimat wurde das Hörspiel „Heimatklänge – Ankommen in Idlib“ als Kulturrucksack-Projekt in Münster entwickelt. Neben dem deutschen Beatboxer August Klar begleiteten der syrische Regisseur Mohanad Jackmoor und der aus Idlib stammende Musiker Abulla Tamaa die Kinder und Jugendlichen bei ihrer musikalischen Reise. Unterstützt wurden sie dabei von dem deutschen Dramaturgen Thomas Richhardt. Die Live-Präsentation des Hörspiels fand am 3. November im Jib Münster vor ca. 40 Zuschauern statt, die Werkstatt-Ergebnisse sind im Folgenden abgedruckt und das Hörspiel wird ab dem 17. Dezember auf dem Kanal „dramawerkstatt“ bei Youtube zu hören sein:

Hörspiel Heimatklänge

Hörpsiel 5


Heimatklänge – Werkstattergebnisse. Das Hörspiel „Heimatklänge – Ankommen in Idlib“

 

 SZENE 1     NACHRICHTENSPRECHER

Sehr geehrte Damen und Herren, herzlich Willkommen beim ARD Morgenmagazin. Die Welt ist geschockt. Gestern ereigneten sich furchtbare Bombenanschläge in allen Bundesländern Deutschlands. Um 0 Uhr Ortszeit wurden die Sprengkörper landesweit gezündet und richteten verheerenden Schaden an. Einige unter ihnen befanden sich in Atomreaktoren. Ganze Städte wurden verseucht. Als Täter hat sich die Deutsche Terrormiliz „Das vierte Reich“ bekannt.  Deutschland wurde in weiten Teilen dem Erdboden gleichgemacht. Syrien, wo vor ein paar Monaten noch Bürgerkrieg herrschte, hat sich bereit erklärt, die Grenzen zu öffnen und Flüchtlinge aus Deutschland aufzunehmen. Eins ist klar: Was gestern passiert ist, war eine der größten und schrecklichsten Katastrophen der Geschichte.

 

SZENE 2     ANKOMMEN IN IDLIB

Geräusch: Schlüssel, Koffer, Tür o.ä.

VATER
Also Kinder, das ist unser Neues zu Hause.

SOHN 1
Ich will das Zimmer.

SOHN 2
Nein, das Zimmer will ich.

SOHN 1
Wieso? Dein Zimmer ist  doch viel schöner. Und bei Dir kann man auf die große Straße schauen.

SOHN 2
Aber du hast so einen tollen Schrank, in dem man sich verstecken kann.

SOHN 1
Ok, dann nehme ich das Zimmer mit dem großen Fenster, dann kann ich immer sehen, wer uns besuchen kommt.

SOHN 2
Vielleicht will ich es doch lieber behalten.

PAPA
Kinder, hört auf. Helft mir lieber, hier aufzuräumen.

SOHN 1
Papa, bleiben wir jetzt für immer hier in Syrien?

PAPA
Ich weiß es nicht. Niemand weiß, wie sich die Dinge in Deutschland entwickeln…

SOHN 2
Peng Peng. Ich kann die Leute auf der Straße abschießen.

SOHN 1
Komm vom Fenster weg und hilf lieber, hier sauber zu machen… Wir müssen Staub saugen…

 

Szene 3     AN DER STRASSE

JUNGE AN DER STRASSE
Ich könnte über die Straße laufen, aber dann würde ich sehr wahrscheinlich sterben.
Ich könnte mich aber auch in eine Feder verwandeln und auf die andere Seite schweben.

Aber es muss doch noch einen anderen Weg geben? Ah, die Kanalisation! Ich könnte einen Gullideckel suchen, in der Kanalisation verschwinden, um unterirdisch auf die andere Seite zu kommen.

Oder wie im Film.

Ich könnte alt werden, so alt wie Opa, und darauf hoffen, dass mich jemand auf die andere Straßenseite führt.

Oder ich könnte die Zeit anhalten. Das wäre cool. Ich halte die Zeit an und laufe einfach an den Autos vorbei.

MÄDCHEN (kommt hinzu)
Hallo was machst du hier? Warum gehst du nicht rüber?

JUNGE
Ich sehe keine Ampel.

MÄDCHEN
Ach, deswegen wartest du so lange! So ging es mir am Anfang auch! Ich hab auch immer eine Ampel oder einen Zebrastreifen gesucht! Aber hier in Syrien geht man einfach so über die Straße.

JUNGE
Aber das ist viel zu gefährlich.

MÄDCHEN
Nein, das geht schon. Komm, ich zeig dir wie… Eins, Zwei, Drei! Lauf! Schneller! Lauf!

JUNGE
Hilfe, da kommt ein Auto! Tausend Autos…

MÄDCHEN
Na los, mach schon….

JUNGE (schreit)

MÄDCHEN
Hör auf zu schreien, wir sind doch schon auf der anderen Seite angekommen.

JUNGE
Das war ganz schön knapp.
Danke.
Ohne dich hätte ich das nicht geschafft.

MÄDCHEN
Ist schon okay… Du kannst mich jetzt übrigens loslassen… Ich muss dann mal wieder, meine Mutter wartet auf mich…

JUNGE (ihr hinterherrufend)
Hey, wie heißt du eigentlich?

 

Szene 4     IN DER SCHULE

SCHULKINDER quatschen wild durcheinander

LEHRER KOMMT HEREIN, KLOPFEN

SCHULKINDER verstummen plötzlich und begrüßen den Lehrer

LEHRER zu den deutschen Kindern
Warum steht ihr nicht auf, wenn ihr mit dem Lehrer sprecht?

DEUTSCHER SCHÜLER
Wir wussten es nicht. Entschuldigung.

DEUTSCHE SCHÜLERIN
Wir werden es in Zukunft immer machen.

LEHRER
Schön. Dann stellt euch doch mal vor. Wer seid ihr denn?

DEUTSCHER SCHÜLER stellt sich vor
Ich heiße Theo, ich bin 13 Jahre alt. Ich bin seit 2 Monaten in Syrien. Und Amelie ist meine einzige Freundin.

DEUTSCHE SCHÜLERIN
Ich bin Amelie, ich bin auch 13 Jahre alt. Ich bin seit einem Jahr in Syrien, und vor drei Wochen sind wir in diese Stadt gezogen. Theo ist mein einziger Freund.

LEHRER
Gut. Ein paar Regeln, die hier an dieser Schule gelten:
(…)
Schuluniform

DEUTSCHER SCHÜLER
Ich glaube wir können uns so eine Uniform nicht leisten.

DEUTSCHE SCHÜLERIN
Meine Pflegeeltern haben bestimmt nicht genug Geld.

ARABISCHE SCHÜLER
Ihr müsst keine Sorge haben, wenn ihr nicht genug Geld habt, bezahlt die Schule für euch die Schuluniform.

LEHRER
Ich bringe euch jetzt die arabischen Buchstaben bei…
Als unsere Väter nach Deutschland gegangen sind, haben sie es auch schwer gehabt mit den Deutschen Buchstaben. Wenigstens könnt ihr bei uns alles kleinschreiben.

(…)

LEHRER
A

THEO
AAAAAAAAAHHHHHH!

AMELIE (lachend)
Hör auf, wir sind hier nicht beim Zahnarzt.

MAHMOUD
Passt auf, sonst bestraft euch der Lehrer.
Wir sind hier nicht zum Spaß, sondern zum Lernen.

THEO
Es würde mir bestimmt helfen zu lernen, wenn ich mal wieder ein Käsebrötchen essen könnte.

MAHMOUD
Was für ein Ding?

THEO
Ein Brötchen mit einer Scheibe Käse. Und vielleicht auch noch Ei dazu. Und Mayo.

MAHMOUD
Bei uns gibt es keine Brötchen.

THEO
Oder eine lange Gurken. Oder kleine Tomaten. Oder eine Scheibe Wurst.

MAHMOUD
Bei uns gibt es keine Wurst.

AMELIE
Ich würde gerne mal wieder Fahrrad fahren. Früher bin ich immer mit dem Fahrrad zur Schule gefahren.

MAHMOUD
Bei uns fährt niemand mit dem Fahrrad zur Schule.
Dafür gibt es bei uns….

THEO
Aber am meisten vermisse ich das Spielen.

ARABISCHER SCHÜLER
Aber wir spielen doch zusammen. Lasst uns Fussball spielen…

 

Szene 5     PAPA

Die Söhne kommen nach Hause und wollen ihrem Vater von dem erzählen, was sie in der Schule erlebt haben. Hinter der geschlossenen Tür hört man den Fernseher mit Katastrophennachrichten aus Deutschland.

SOHN
Papa, mach auf, wir wollen Dir erzählen, wie es in der Schule war.

SOHN
Hat er was gehört?

SOHN
Er schaut bestimmt wieder Fernsehen.

SOHN
Warum schaut er das immer.

SOHN
Er ist traurig darüber, wie es zu Hause ist.

SOHN
Er soll das nicht immer schauen.

SOHN
Papa, mach die Tür auf.

SOHN
Wir haben heute ein arabisches Lied in der Schule gelernt.

SOHN
Ich mache mit meiner Klasse bald einen Ausflug in die Berge.

SOHN
Warum macht er nicht auf?

SOHN
Er will uns nicht sehen.

SOHN
Ich weiß, wie wir ihn da rausholen!

SOHN
Wie?

SOHN
Wir müssen nur warten, bis der Strom ausfällt.

SOHN
Der Strom?

SOHN
Ja, hier wird doch häufiger der Strom abgestellt. Und wenn der Strom wieder weg ist, dann kann er nicht mehr fernschauen.

SOHN
Und dann kommt er heraus.

SOHN
Bestimmt tut er das.

SOHN
Der Strom fällt bestimmt gleich aus.

SOHN
Bestimmt in einer Stunde.

SOHN
Und was sollen wir solange machen?

SOHN
Wir machen Hausaufgaben.

SOHN
Ja, lass uns die neuen Wörter lernen.

SOHN
Wie ging das noch mal?

SOHN
SCHUCK-RE

SOHN
Dankeschön!

KLINGELN!

SOHN
Hast du das gehört, es hat geklingelt.

SOHN
Natürlich habe ich das gehört. Ich bin ja nicht taub.

SOHN
Ja, und? Was sollen wir jetzt machen?

SOHN
Papa, hast du gehört?

SOHN
Papa, da ist jemand.

SOHN
Papa, sollen wir die Tür aufmachen?

SOHN
Papa, kommst du heraus?

SOHN
Er hört nicht, was sollen wir denn machen?

SOHN
Ich mach jetzt einfach die Tür auf.

FREUND
Auf Arabisch: Hallo, ich wollte euch bei den Hausaufgaben helfen.

SOHN
Was hat er gesagt?

SOHN
Ich weiß es nicht.

FREUND
Auf Arabisch:Hausaufgaben. Braucht ihr Hilfe?

SOHN
Ich glaube, er braucht Hilfe.

SOHN
Hilfe. Wieso Hilfe?

ANDERER FREUND
Er will euch helfen.

SOHN
Kommt rein.

SOHN
Wir machen die Aufgaben zusammen.

FREUND
Und dann gehen wir Fussball spielen.

SOHN
Ja, das machen wir.

SOHN
Nein, das können wir leider nicht.

SOHN
Wieso nicht?

SOHN
Weil wir Papa nicht fragen können.

ANDERER FREUND
Was ist mit eurem Papa?

SOHN
Nichts.

SOHN
Er kommt nicht raus.

FREUND
Wo raus?

SOHN
Aus dem Zimmer.

FREUND
Aus diesem Zimmer?

ANDERER FREUND
Was macht er denn da?

FREUND
Ich höre einen Fernseher.

SOHN
Wir wissen nicht, wie wir ihn davon losbekommen.

SOHN
Es sind die Nachrichten aus Deutschland.

SOHN
Wir warten auf den Stromausfall.

ANDERER FREUND
Stromausfall?

SOHN
Ja wieso?

ANDERER FEUND
Ihr könnt doch den Strom selbst abschalten.

SOHN
Wie denn?

ANDERER FREUND
Es gibt im Hausflur einen Stromkasten. Ich zeige ihn euch.

FREUND
Und dann lass uns Fussball spielen gehen.

 

Szene 6     Fussball

Kinder spielen Fussball. Man hört Ballgeräusche und auf Arabisch und Deutsch die Aufforderung, den Ball zuzuspielen. Dann Torjubel. Schließlich…

SOHN 1
Guckt mal dort oben. Da ist Papa am Fenster. Er schaut uns zu.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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