Jugendliche in Berg Fidel erfahren durch Geschichten, wie’s früher einmal war

Berg Fidel – das ist ein Stadtteil in Münster zwischen Preußen-Stadion und Autobahn.

Früher hieß dort eine Gaststätte so, bevor riesige Hochhäuser dort gebaut wurden. „Von dort oben kannst du bis in die Baumberge gucken!“ verrät ein älterer Herr im Stadtteilzentrum Lorenz-Süd bei der Eröffnung einer Ausstellung zum Zuhören.

Das Kulturrucksack-Projekt „Erzähle mir, ich bin ganz Ohr!“ hat 72 Geschichten gesammelt. Dafür haben Jugendliche ihre Omas und Opas, aber auch andere ältere Menschen über 60 befragt.

In Berg Fidel gibt es viele Bäume und Tiere, erzählt Herr Peters, der seit 45 Jahren mit seiner Frau in der Hagenbergstraße in einem Einfamilienhaus mit Garten wohnt. „Wir haben hier eine ruhige Gegend und Krach habe ich nie erlebt.“

Seine Frau hat erzählt, wie sie als Kind zum ersten Mal Schokolade gegessen hat. Die kannte sie gar nicht, denn als sie klein war, gab es für viele Kinder keine Süßigkeiten. Es herrschte Krieg und viele Menschen hatten wenig zu essen.

Bei einer ganz besonderen Weihnachtsfeier 1945  durften alle Kinder Kakao trinken, Kuchen essen oder Kekse und Plätzchen. Jeder konnte Schokolade mit nach Hause nehmen: „So viel, wie in jede Tasche ging“. Aber sie hatte nur ihre kleine Kindergarten-Tasche mit dabei. Da passte nicht so viel hinein.

„Ich habe genau ausgerechnet, wie viele Tafeln ich für alle brauche, meine drei Geschwister und Mama und Papa. Fünf Stück. Damals war ich noch klein und hatte noch niemals Schokolade gesehen“, erinnerte sich die alte Dame. Die britischen Soldaten, die Kindern damals nach dem Krieg bei einer Weihnachtsfeier diese Schokolade geschenkt haben, hat sie bis heute nicht vergessen. „Aus Feinden wurden Freunde“, freut sich die Leiterin des Reporter-Projektes Sylvia Maria Saldarriaga Ehlers über die Geschichte der heute fast 80-Jährigen aus Berg Fidel.

Jugendliche und ältere Menschen konnten einen lustigen Profilbogen über ihre Hobbies und Lieblingsfächer ausfüllen. Auch ein neues oder altes Foto von früher konnten sie einkleben.

Zu Beginn haben die Jugendlichen und die älteren Erwachsenen solche Profil-Bögen ausgefüllt.

Moritz hatte seinen Opa befragt. Moritz ist 14 und mag Sport und Musik, er spielt Schlagzeug und Gitarre und möchte bald Rennrad fahren.

Sein Opa und Uropa waren früher Bäcker. Die Backstube war ganz im Süden Münsters. Weil im Krieg alle Gesellen in seiner Bäckerei Soldaten werden mussten, hatte der Opa einen Franzosen zum Arbeiten aus einem Lager in Münster-Mecklenbeck zu sich geholt. Dort war es sehr schlimm. Die Menschen waren nicht freiwillig dort. Er half ihm in der Backstube. Denn er konnte Brot und leckeren Kuchen backen.

Moritz‘ Oma (Foto) hatte zuhause viele Kühe im Stall. Aus der Milch stampfte ihr Vater Butter in einem Fass oder einer Milchkanne. Daran erinnert sie sich noch gut.

Moritz und seine Oma

Einige Frauen malen in ihrer Malgruppe tolle Bilder. Sie treffen sich in Berg Fidel im Bürgerzentrum. Eine Frau, 61, ist vor 20 Jahren nach Berg Fidel gekommen. Sie wohnte früher in Russland, Usbekistan und Kasachstan. Weil sie deutsche Wurzeln hat, ist sie umgezogen.

„Mein Vater sagt: Irgendwann gehen wir nach Deutschland. Und dann hat er erzählt, dass es in Deutschland in allem in Ordnung ist: Die Straßen sind sauber, die Menschen sind ehrlich…’Wenn du deinen Geldbeutel verlierst, wird er so lange da liegen bleiben, bis du wieder kommst‘, meinte er. Als wir nach Deutschland zogen, war mein Vater 70 und ich 30 Jahre alt. Am Anfang habe ich den Menschen hier wirklich vertraut, aber in 20 Jahren wurden drei Fahrräder meiner Familie geklaut oder Korb und Tasche einfach vom Fahrrad abgenommen und weggeschleppt.“

Worüber sie auch noch reden wollte: Über den Müll auf den Straßen. Leute, warum wird aller Müll auf den Boden geschmissen; warum wird so viel geklaut? Und kaputt gemacht. Diejenigen, die das tun, sollten mal in ihre Herzen schauen und ihrem Gewissen zuhören. „Deutschland ist ein zivilisiertes Land und wer hier leben will, sollte sich entsprechend benehmen. Bitte, denkt dran. Ich wünsche uns alle eine fröhliche Weihnachtszeit und Frieden auf Erden!“ schreibt die heute 61-Jährige. Denn ihre Geschichte ist ganz kurz gewesen.

Eröffnet wurde die Ausstellung am 12. Dezember. Eine gute Aktion, meinte auch die Bezirksvertretung Münster-Hiltrup, deren Vertreter Herr Schmidt und Herr Tüns extra zur Ausstellungseröffnung gekommen waren.

Sonja Mester, Leiterin des Cafés im Lorenz-Süd, und Projektinitiatorin Sylvia Saldarriaga (re.) bei der Ausstellungseröffnung

Alle Geschichten und Profile der jungen und älteren Menschen könnt ihr noch bis Ende Februar 2019 mit dem Kopfhörer und MP3-Player im Café im Stadtteilzentrum in Berg Fidel anhören. Kommt und lasst euch für einen Augenblick in die Vergangenheit versetzen!

Leitung des Projektes:
Sylvia Saldarriaga Ehlers
smsdesign@gmx.net

Text und Fotos:
Christine Bertels
Bürgermedien / Öffentlichkeitsarbeit VHS